Ergonomie verlangt mehr als höhenverstellbare Wischgeräte

26.04.2018

 

Reinigungskräfte sind täglich gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt. Rückenleiden und Sehnenscheidenentzündungen sind nur zwei der Folgen langjährig falsch ausgeführter Bewegungen. Ein Bericht darüber, wie die Wirtschaft durch ergonomische Arbeitsbedingungen Kosten in Milliardenhöhe einsparen könnte, was die Katze als ergonomischer Meister uns lehrt und wie wir die Gesetze der Kinästhetik sinnvoll aus dem Pflegebereich auf die Reinigung übertragen können.

Der menschliche Körper besteht aus über 200 Knochen, mehr als 700 Muskeln und rund 1‘100 Bändern und Sehnen. Ein ganzes Leben lang sollen uns diese Bestandteile des Körpers unterstützen und ein aktives Leben ermöglichen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir diesen auch Sorge tragen. Aufgrund des immer grösser werdenden Zeitdrucks und der Vernachlässigung gesundheitserhaltender Arbeitsbedingungen häufen sich speziell in der Reinigung Erkrankungen des Bewegungsapparates und muskuloskelettale Erkrankungen. Die häufigsten Beschwerden sind Arthrose, Rückenbeschwerden und das Schulter-Arm-Syndrom. Falsches Heben, Unkenntnis über entscheidende Geräteeigenschaften oder unnatürliche Gelenkpositionen sind nur ein paar der Ursachen. Viele Arbeitgeber haben einen blinden Fleck, wenn es um die gesundheitsfördernde Arbeitsgestaltung geht. Dabei könnten solche Erkrankungen, und damit die Krankheitsausfälle der Mitarbeitenden, bereits mit wenigen Massnahmen und einer ergonomischen Arbeitsgestaltung reduziert werden. Doch worum geht es eigentlich bei der Ergonomie?

Anpassung der Arbeitsbedingungen an den Menschen
Der Begriff Ergonomie setzt sich aus den griechischen Wörtern „ergon“ (Arbeit) und „nomos“ (Gesetz) zusammen. Im Zentrum steht der Grundsatz, die Arbeitsbedingungen an den Menschen anzupassen – und nicht umgekehrt. Angesetzt wird dafür bei der bewussten Ausführung der Bewegungen, der ergonomischen Gestaltung der Arbeitsgeräte und der richtigen Verteilung der Anstrengung auf die einzelnen Muskeln. Die über 700 Muskeln im menschlichen Körper werden durch das Gehirn über die Nervenbahnen gesteuert. Jeder Mensch ist sozusagen „Chef“ von 700 „Mitarbeitenden“. Die meisten Reinigungskräfte arbeiten nur mit einem kleinen Teil ihrer „Mitarbeitenden“. Um ein Beispiel zu nennen: Beim Reinigen einer Tischoberfläche werden lediglich die Muskelpartien der Schulter, des Armes und der Hand eingesetzt. Der Rest des Körpers bleibt aktionslos und meistens verharrend in angespannter Position. Die Schulter- und Armpartien ermüden somit relativ schnell. Ermüdet die Muskulatur, werden Knochen, Sehnen und Gelenke stark belastet. Das führt zu diversen Entzündungen. Durch die richtige Koordination von Muskel und Bewegung können Ermüdungserscheinungen, Arthrose und Abnützungen verhindert werden. Doch wie macht man das? Dazu muss man wissen, dass die Oberschenkelmuskulatur der stärkste Muskel des Körpers ist. Gewinnt man nun all seine Kraft aus dem Oberschenkel-Muskel, werden andere Körperpartien wie Arme und Schultern entlastet und die Ermüdung lässt sich länger hinauszögern. Dafür kann man sich das Beispiel einer Katze vor Augen halten: Spielt sie mit einer Schnur, ist sie meist zweibeinig aufgerichtet. Während sie mit den Pfoten nach der Schnur greift, dienen ihr die Hinterläufe als Verankerungs- und Kraftquelle. So sollte auch der Mensch wieder vermehrt zu seinen natürlichen Bewegungsabläufen zurückfinden.

Kontinuität statt einmalige Instruktion
Ob Ergonomie-Schulungen extern in der Lokalität eines Schulungsanbieters oder als Individualschulung im zu reinigenden Gebäude durchgeführt werden, spielt für die langfristige Verhaltensänderung keine Rolle. Wohl aber die Kontinuität. Sergio Lottenbach leitet Kurse zur ergonomischen Reinigung bei der Wetrok AG. Er hat eine Studie zur langfristigen Wirkung von Ergonomie-Schulungen mit zwei Testgruppen durchgeführt. Mit der ersten Gruppe trainierte er die ergonomische Reinigung während eines Jahres zweimal pro Monat jeweils zwei Stunden. Die zweite Gruppe besuchte ein einmaliges vierstündiges Basistraining gefolgt von zwei dreistündigen Aufbaukursen innerhalb eines Jahres. Das Resultat: Während die Reduktion von Arbeitsausfällen wegen Erkrankungen des Bewegungsapparates bei der ersten, regelmässig sensibilisierten Gruppe bei stolzen 50% lag, erreichte die zweite Gruppe der sporadisch Trainierenden lediglich eine Reduktion von 12%. «Die meisten Ergonomie-Schulungen finden einmalig statt. Eine langfristige Verhaltensänderung ist jedoch nur durch regelässiges Training und Auffrischungsübungen zu erreichen. Insbesondere zwischen dem ersten und zweiten Schulungstermin sollte keine grosse Zeitspanne liegen», erklärt Lottenbach.
Eine wissenschaftliche Studie des University Colleges in London stützt seine Aussage. Die Forscher untersuchten, wie lange es dauert, bis eine Person eine Gewohnheit ändert. Der Befund: Bei der Mehrheit der Personen dauerte es über zwei Monate, bei einigen gar über ein halbes Jahr bis die Gewohnheit bzw. das neu erlernte Verhalten verinnerlicht war.

Kinästhetische Überlegungen aus der Pflege auf die Reinigung übertragen
Die Ergonomie thematisiert die Interaktion zwischen Personen und Gegenständen. Sie klammert aber zwei Aspekte aus: die Selbstreflexion und den Einbezug der Umwelt. Damit man eine Belastung reduzieren kann, muss man sich selber und seine Umwelt hinterfragen und genau beobachten. Auf diese Weise gelangt man zur Quelle der Anstrengung. An diesem Punkt kommt die Kinästhetik ins Spiel. Kinästhetik ist die Lehre der Bewegungsempfindung und kann als kleine Schwester der Ergonomie bezeichnet werden. Um die Begriffe abzugrenzen, nehmen wir das Beispiel eines Transportwagens: Ein solcher Wagen ist ein ergonomisches Gerät, weil er Reinigungsmitarbeitende entlastet. Die Tatsache, dass die Reinigungskraft überhaupt erst auf den Wagen als Unterstützungswerkzeug zurückgreift, beschreibt die Kinästhetik. Die Nutzung des Transportwagens entspringt dem Bedürfnis, Anstrengung zu reduzieren und mögliche Hilfsmittel in der Umgebung bestmöglich einzubeziehen. In der Krankenpflege spielt die kinästhetische, ganzheitliche Betrachtung bereits eine grosse Rolle. Kursleiter Sergio Lottenbach versucht, die Kinästhetik von der Pflegebranche in die Reinigungsbranche zu transferieren, indem er die Schulungsinhalte der Ergonomie-Kurse mit Überlegungen aus der Kinästhetik anreichert. „Der Ausgangspunkt kinästhetischer Überlegungen lautet: jede Bewegung benötigt Anstrengung. Es lohnt sich, das Zusammenspiel der Komponenten menschlicher Bewegung in den Arbeitsalltag von Reinigungskräften einzubeziehen“, so Lottenbach. Gemäss einem online publizierten Fachbeitrag des Pflegepädagogen Franz Koch konzentriert sich die Kinästhetik nie auf einzelne Einheiten, sondern hat stets das ganze vernetzte System im Blick. Dieses System besteht aus sechs den Menschen umgebenden Bereichen: Interaktion, Anatomie, Bewegung, Anstrengung, Funktion und Umgebung. Im Mittelpunkt des Systems stehen die Aktivitäten des Menschen. Das Konzeptsystem dient als Werkzeug, mit welchem jede Bewegung beobachtet, verstanden und angepasst werden kann. Die Kernfragen der Kinästhetik lauten demnach: Wie viel Anstrengung brauche ich für eine Bewegung, wie kann ich die Bewegung vereinfachen, wie reduziere ich die Anstrengung und welche Hilfsmittel können mich dabei unterstützen? Vereinfacht lässt sich zusammenfassen, dass es gemäss kinästhetischen Grundsätzen in Ordnung ist, am Ende eines Arbeitstages müde zu sein. Nicht in Ordnung wäre es jedoch, sich zu erschöpft zu fühlen, um seinen Freizeitaktivitäten nachzugehen.

Rückenprobleme kosten Schweizer Wirtschaft mehrere Milliarden Franken pro Jahr
Gesunde und leistungsfähige Mitarbeitende stellen einen wichtigen Produktionsfaktor dar. Speziell im Dienstleistungssektor werden sie für manche Unternehmen gar zur strategischen Erfolgsposition. Es erstaunt daher, dass nicht mehr in die Gesundheit der Angestellten investiert wird. Dass Handlungsbedarf besteht, zeigen die Erkenntnisse einer vom Schweizer Staatsekretariat für Wirtschaft (SECO) in Auftrag gegebenen Studie: Rückenbeschwerden und andere Erkrankungen des Bewegungsapparates kosten die Schweizer Wirtschaft über vier Milliarden Franken pro Jahr. Konkret verursacht werden diese Kosten durch verminderte Produktivität oder Arbeitsabsenzen. Abhilfe schaffen gemäss der Studie gesündere Arbeitsbedingungen: Durch eine ergonomische Gestaltung der Arbeitsorganisation könnten fast alle Arbeitsabsenzen und ein Grossteil der Produktivitätsverluste wegen arbeitsbedingten Erkrankungen des Bewegungsapparates vermieden werden. Das Einsparpotenzial: rund drei Milliarden Franken. Damit wird klar: Gesundheitsprobleme aufgrund von Erkrankungen am Bewegungsapparat sind nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sie sind auch betriebs- und volkswirtschaftlich relevant.

Moderne Reinigungsgeräte beugen falsch ausgeführten Bewegungen vor
Nebst der ergonomischen Bewegungsausführung ist die Ausrichtung der Arbeitsbedingungen an den Menschen ein zweites grosses Anliegen der Ergonomie. Eine grosse Rolle spielt hierbei die Wahl der Reinigungsgeräte und -maschinen. Bei der Bodenreinigung mit Wischgeräten sollte beispielsweise darauf geachtet werden, dass das Reinigungsgerät über einen Teleskopstiel verfügt. So kann die Reinigungskraft das Gerät auf die individuelle Körpergrösse einstellen. Für die optimale Stiellänge gibt es eine einfache Regel: der Griff sollte sich immer auf Kinnhöhe befinden. Um möglichst wenig Kraft einsetzen zu müssen, eignen sich gleitfähige Mopps. Erfolgt die Nassreinigung mittels Scheuersaugmaschine, ist eine stufenlos verstellbare Deichsel empfehlenswert. Auch die Art und Weise wie ein Raum gereinigt wird, kann Anstrengung minimieren oder gar vermeiden. So kann beispielsweise die Umstellung von der Reinigung mit Eimer und Tuch zur Reinigung mit Schaumflasche und Mikrofasertuch die physische Belastung massiv verringern. Eine Schaumflasche ist nicht nur leicht und benötigt wenig Platz auf dem Reinigungswagen, sie macht auch das Auswringen von Tüchern oder das Herumschleppen von schweren Wassereimern überflüssig. Was man aber nicht vergessen darf: Ergonomisch optimierte Geräte entfalten ihren Nutzen nur, wenn Mitarbeitende diese fachkundig bedienen und mit den ergonomischen Spezialfunktionen vertraut sind. Daher ist es ratsam, das Personal bei jeder Neuanschaffung eines Reinigungsutensils über dessen Funktionen zu instruieren.

Gesundheitsschonendes Arbeiten und schnelles Vorankommen sind keine Widersprüche
Ergonomie ist in der Gebäudereinigung ein wichtiges Thema – zumal rund 80-90% der gesamten Reinigungskosten auf die Personalkosten entfallen. Unternehmen wissen oft nicht, wo sie für Verbesserungen ansetzen sollen. Es empfiehlt sich, in einem ersten Schritt einfach mal den Ist-Zustand genau zu analysieren (siehe Checkliste). Oft wird dann ersichtlich, wo der grösste Handlungsbedarf besteht. Unternehmen, die in ergonomische Arbeitsbedingungen investieren, profitieren auf lange Sicht. Denn: Gesundheitsschonendes Arbeiten führt zu gezieltem Krafteinsatz, schnellem Vorankommen, gelenkschonendem Arbeiten und nicht zuletzt zu motivierten, loyalen Mitarbeitenden. Somit steht gesundheitsschonendes Arbeiten nicht im Widerspruch zu effizientem Arbeiten. Den Umstand, dass Reinigungskräfte vielen physischen Belastungen ausgesetzt sind, können wir nicht ändern, wohl aber die Tatsache, wie sie diesen Belastungen entgegentreten.

Was ist Ergonomie?
Ergonomie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Maschine beschäftigt. Im Kern bedeutet Ergonomie, Arbeitsbedingungen an die Fähigkeiten und Eigenschaften des arbeitenden Menschen anzupassen. Durch eine möglichst geringe gesundheitliche Belastung soll das Wohlbefinden des Menschen, und damit die gesamte Systemleistung, verbessert werden.

Exkurs Entspannungsübungen
Während einer mehrstündigen Reinigungsschicht helfen Entspannungsübungen, beanspruchte Körperpartien zu lockern. Warum dies so wichtig ist, lässt sich mit dem Aufbau eines Baumes erklären: Verfügt ein Baum über gesunde Wurzeln, sind auch die Äste kräftig und stark. Dies lässt sich auf den menschlichen Körper übertragen: Sind Becken- und Schultergürtel (Wurzeln) entspannt, überträgt sich diese Stabilität auf die Extremitäten wie Arme, Beine oder den Kopf (Äste). Unter diesem Videolink finden Sie drei einfache Entspannungsübungen, um Schultern, Arme und den Rücken zu lockern:
youtu.be/S6FfnaObIDQ

Checkliste zur Analyse der Ist-Situation
„Wie steht es in Ihrem Betrieb um die Ergonomie?“

1. Kennen die Mitarbeitenden den Begriff „Ergonomie“ bzw. sind sie auf gesundheitsschonendes Arbeiten sensibilisiert?
2. Welche ergonomischen Vorteile bieten die vorhanden Reinigungsutensilien wie Maschinen, Geräte oder Zubehör? Sind sie z.B. auf die individuelle Körpergrösse einstellbar?
3. Wissen die Mitarbeitenden um diese Vorteile und nutzen sie die Hilfsmittel korrekt?
4. Wird schweres Heben mehrheitlich vermieden und werden dafür Hilfsmittel wie Transport- oder Reinigungswagen eingesetzt?
5. Beziehen die Mitarbeitenden ihre Kraft zur Ausführung von Bewegungen aus dem stärksten Muskel, dem Oberschenkelmuskel? (beispielsweise gut ersichtlich beim Abwischen von Tischen oder bei der Bodenreinigung mit einem Wischgerät)
6. Fühlen sich die Mitarbeitenden nach Vollendung ihrer Arbeit komplett erschöpft und beeinträchtigt oder haben sie noch Energie, um Freizeitaktivitäten nachzugehen?
7. Sind die Mitarbeitenden mit den physikalischen Gesetzen (z.B. Hebelgesetz, Gesetz des Schwerpunkts bzw. Schwerelinie) vertraut?
8. Gibt es im Betrieb viele Krankheitsausfälle? Falls ja, was ist die Hauptursache?
9. Sind Merkblätter oder Video-Anleitungen zur ergonomischen Arbeitsgestaltung vorhanden?
10. Wurden die Mitarbeitenden bezüglich Ergonomie ausführlich geschult?

Bewusst bewegen: In Ergonomie-Kursen lernen Teilnehmende mehr über den Aufbau des menschlichen Körpers und die Vermeidung von Belastungserscheinungen.

 

Gewusst wie: Viele Reinigungsmaschinen verfügen über eine höhenverstellbare Deichsel, die der individuellen Körpergrösse angepasst werden kann.

 

Sergio Lottenbach, Kursleiter bei der Wetrok AG, hat mittels Studien herausgefunden, dass Ergonomie-Schulungen für einen langfristigen Erfolg regelmässig durchgeführt werden müssen.

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